Die Zeit – ein knappes Gut (Change-Brief Nr. 60)

Die Zeit – ein knappes Gut

…und doch sind es 24 Stunden für jeden von uns!

Der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca sagte treffend: „Es ist nicht wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist viel Zeit, die wir nicht nutzen“. Sie kennen das sicher, es ist einfach nicht genügend Zeit da. Man steht morgens auf, startet ins Tagewerk und schon ist es wieder abends, und manche von Ihnen fragen sich unzufrieden, was sie eigentlich den ganzen Tag gemacht haben und wo die Zeit geblieben ist bei manchmal eher bescheidenen Resultaten. Wofür ist sie benutzt worden, wenn nicht für die „richtigen“ Dinge? Doch es gibt auch reichlich Fälle, von denen vor allem intrinsisch motivierte Menschen berichten, bei denen die Zeit wie im Fluge vergeht, man ganz eins wird mit der Sache, seinen Kompetenzen und der Aufgabe und nach gefühlten wenigen Minuten, bei denen es sich „in Wirklichkeit“ um viele Stunden gehandelt hatte, erschöpft aber glücklich in den Feierabend geht und zufrieden Erholung findet. Dieses Phänomen hat Prof. Mihaly Csikszentmihalyi „Flow“ genannt (Quelle: Csikszentmihalyi, M. (2010). Flow: Das Geheimnis des Glücks. Klett-Cotta Verlag) und dieser kommt sowohl im Privaten als auch bei der Arbeit dann öfter vor, wenn die Aufgaben und Herausforderungen, denen man sich stellt und das eigene Können in einem guten Einklang stehen und auf diese Weise Spitzenleistungen möglich werden. Transplantationschirurgen, Spitzensportler und Expeditionsteilnehmer berichten davon, und auch wir beide kennen dieses Phänomen „Flow“ nur zu gut, beispielsweise von unserem Business-Retreat-Seminar, bei der Großgruppenarbeit, vom Laufen oder Windsurfen, wenn wir an Büchern arbeiten oder komplexe Malereien verwirklichen.

Die Zeit, Quelle: NextHealth/pdr

Doch mit der Zeit wird es schwierig, wenn wir probieren, sie greifbar zu beschreiben oder festzuhalten. „Was ist also die Zeit? Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es, wenn ich es aber einem, der mich fragt, erklären sollte, weiß ich es nicht,“ wusste schon Augustinus (von Hippo). Und daher wollen wir uns hier darauf beschränken, aus unserer Coachingpraxis einige Hinweise zu geben zum guten Umgang mit der Zeit, denn sie vergeht so oder so. Es gibt unzählige Zeitmanagementbücher und –strategien, von einfachen priorisierenden ABC-Listen über komplexe Time-Systems, die zu verstehen und zu befolgen teilweise viel Zeit kostet. Einen Ansatz finden wir sehr bemerkenswert, und er stammt von einem unserer Lieblingsautoren Stephen Covey und aus dem Buch „First things first“. Stellen Sie sich vor, Sie klettern mit viel Elan und Anstrengung eine steile (Lebens-)Leiter hoch – und nach längerer Zeit, beinahe oben angekommen, bemerken Sie, dass die Leiter an der falschen Mauer gelehnt hatte. Sie haben womöglich das Leben eines anderen gelebt oder es fühlte sich zunächst gut an, weil Sie vielleicht ständig gebraucht wurden, doch war es auch wirklich wichtig für Sie und Ihre ureigensten Interessen, Werte und Bedürfnisse? Kennen Sie diese überhaupt?

Covey spricht davon, „True North” auf Ihrem Lebenskompass zu identifizieren und den Einsatz von Zeit danach auszurichten, was wirklich wichtig und bedeutsam für Sie ist. Was sind Ihre „First Things“ und verwenden Sie dafür genügend Zeit? Wir haben Covey in Prag einmal live erleben dürfen mit seinem sagenhaften Experiment: Er nahm einen großen Glaskelch und hatte auf einem Tisch Kies, Flusskiesel, Wasser, größere Steine und Sand bereit zu stehen. Mit welcher Strategie könnte man den Kelch, der eine Metapher für die verfügbare Zeit ist, am besten und wirkungsvollsten füllen? Covey zeigte es uns eindrücklich: Man nehme zuerst die Steine, dann die Kiesel, dann den Kies, dann den Sand und schließlich das Wasser. Wenn Sie anders starten, dann werden Sie die größeren Steine nicht mehr unterbekommen, weil alles schon voller Steinchen ist. Die großen Brocken stehen für das, was wirklich wichtig ist und wofür die Zeit zuerst geplant gehört, bevor die vielen kleinen Herausforderungen des Alltags, Störungen oder das Wichtige der Anderen Ihnen die Zeit rauben. Schon Napoleon Bonaparte wusste: „Es gibt Diebe, die nicht bestraft werden und einem doch das Kostbarste stehlen: die Zeit“. Eisenhower hat hierfür seine vier Zeitquadranten formuliert. Der erste Quadrant (Q1) steht für das, was dringlich und wichtig ist, die wirklichen Feuerwehraktionen, auf die es ankommt und die unaufschiebbar sind. Quadrant 2 (Q2) enthält Dinge, die nur wichtig sind, aber nicht dringend. Dazu gehören beispielsweise Strategiearbeit, Fortbildung, Erholung und Entspannung etc. Das können Sie heute machen oder morgen oder in einer Woche, Hauptsache Sie tun es. Doch viele nehmen sich gar keine Zeit dafür, weil immer anderes dringlicher erscheint und dann wundern sich manche, dass sie entweder mehr Feuerwehraktionen bekommen oder krank werden und ausbrennen – oder ihre Zeit nahezu unbemerkt in Quadrant 3 (Q3) verbringen. Hier ist alles nur dringend, aber nicht wichtig. Meist handelt es sich um die wichtigen Dinge anderer oder es fühlt sich einfach nur wichtig an. Sie werden scheinbar gebraucht, weil Sie ständig am Telefon sind und eine Frage nach der anderen beantworten, doch es könnte vielleicht auch ein anderer machen, nachdem Sie delegiert haben, oder die Aufgabe kann womöglich ganz entfallen.

Zeitmanagement nach Eisenhower – Der Eisenhower-Zyklus, Quelle: NextHealth

Je klarer Sie mit sich im Q2 „wichtig“ im Reinen sind und Ihre Ziele, Werte und „First Things“ kennen, umso weniger fallen Sie auf den verführerischen Q3 hinein. Ohne Q2-Arbeit geleistet zu haben, können Sie Q2-Themen von Q3- Beschäftigungen womöglich gar nicht richtig unterscheiden. Wie wollen Sie jemals effektiv sein, wenn nicht klar ist, welche Ziele Sie verfolgen? Quadrant 4 (Q4) enthält die nicht wichtigen und die nicht dringenden Dinge, die Sie getrost einfach weglassen und ersatzlos streichen können. Fazit: „Zeit gewinnen“ Sie demnach auf der Grundlage von Q2-Zeitinvestition durch Reduktion von Zeitaufwänden in Q1, Q3 und Q4. Doch wenige leben danach, und beklagen sich lieber über chronischen Zeitmangel.

Doch Vorsicht Falle, auch wenn Sie dieses Prinzip verfolgen, kann es Ihnen passieren, dass Sie sich so viele wirklich wichtige Themen aufgeladen haben, dass auch jetzt die Zeit wieder knapp wird. In diese Falle tappen besonders Menschen, die nicht Nein sagen können oder in besonders vielen Lebensbereichen zugleich engagiert sind. Jetzt lohnt es sich, von Zeit zu Zeit eine Auszeit zu nehmen, wie es beispielsweise hervorragend in unserem Business-Retreat-Seminar in Himmelpfort möglich ist. Wenn Sie aus dem Hamsterrad aussteigen – nur für wenige Tage – und eine andere Flughöhe und Perspektive einnehmen, erkennen Sie häufig, welchem inneren „Bären“ Sie aufgesessen sind und können weiter (aus-)sortieren. Wer es lernt, mit Achtsamkeitsübungen mehr den Augenblick der Gegenwart zu erleben und das Glück des Moments auszukosten, kommt zu ganz neuen Erfahrungen und Erkenntnissen, die sich auch nachhaltig auf das „normale“ Leben auswirken und mit einem erfüllten beruflichen Alltag vollkommen vereinbar sind. Wenn Sie sich schon jetzt vorstellen können, dass Sie dann, wenn Sie eines Tages keine Zeit mehr vor sich haben zurückblicken und spüren, dass Sie viele in diesem Leben wichtige Dinge mit Freude verrichten konnten, dann sind Sie heute auf dem richtigen Weg mit Ihrer wertvollen Zeit. Letztlich ist oft weniger mehr; nutzen Sie Ihre Zeit!

Pia Drauschke und Stefan Drauschke, Berlin im Dezember 2016

Erschienen in: Klinik Markt inside, 22/2016 vom 21.11.2016, Seiten 12-14

2 Idee über “Die Zeit – ein knappes Gut (Change-Brief Nr. 60)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.