Haben Sie auch schon Ihre „heimliche Visitenkarte“? (Changebrief 93)

Tun Sie beruflich noch – oder schon – was Ihnen wirklich bedeutsam ist und dem entspricht, was Sie wirklich „sind“ und ausmacht? Auch wenn viele Menschen das Wort nicht mehr hören mögen, so dauert die Corona-Zeit noch immer an und ein Ende ist nicht wirklich absehbar, wenn man die Eigenarten des Virus berücksichtigt und die wellenförmigen Pandemieverläufe in den Ländern der Welt betrachtet. Es ist davon auszugehen, dass wir uns mit dem Virus arrangieren müssen und eben nicht mehr alles wird wie früher, während keiner absehen kann, was tatsächlich auf uns zukommt. Wir leben in Zeiten schneller Veränderung mit ungewisser Richtung, was Chancen mit sich bringt und zugleich anspruchsvoll für jeden ist – und sowohl ins Privat- und Familienleben als auch in die Berufswelt ausstrahlt. Die Arbeitswelten ändern sich rasant, Homeoffice ist für viele Angestellte auch in Zukunft selbstverständlich, wobei vordergründig der verkürzte Weg zur Arbeit und die verbesserte Konzentration als Vorteil aus Mitarbeitersicht benannt wird. Lebenslanges Lernen und effektiv zu lernen werden immer wichtiger (Quelle: Drauschke/Drauschke: 10 wichtige Fähigkeiten in der neuen Arbeitswelt. In: Klinik Markt inside 2/2021, S. 11–13) und die Digitalisierung schreitet in allen Branchen zügig voran. Auch wir Trainer und Coaches haben uns mit digitalen Fern-Formaten zu arrangieren, auch wenn die lebendige Begegnung zwischen Menschen „in unserer Welt“ durch nichts zu ersetzen ist und zum Glück Teil unserer Arbeit bleiben wird, während gute Videoformate oder Kollaborationstools hervorragende Möglichkeiten bieten. Haben Sie sich auch schon mal gefragt, ob Sie noch im „richtigen Bus“ sitzen, wie Jim Collins das einmal trefflich formuliert hat, und ob Sie das „Richtige“ Tun in der für Sie stimmigen Intensität? Wie vielen geht es so, dass sie mit Kraft, Anstrengung und Ausdauer ihre Erfolgs- und Lebensleiter hochklettern und dann irgendwann feststellen, dass die Leiter womöglich an der falschen Mauer lehnt (Quelle: Stephen Covey: Die sieben Wege zur Effektivität. Heyne, München 1996). Doch wie erkenne ich, ob die Nadel meines Kompasses wirklich in Richtung „True North“ zeigt, wenn ich jeden Tag schon aus Zeitgründen mehr oder weniger unreflektiert meinen vielen Aufgaben nachgehe und den Rest der Zeit mich fortbilde, um dem schnellen Veränderungs- und Informationsdruck noch standhalten zu können? In einer unserer Coachingausbildungen haben wir das spannende Format der „heimlichen Visitenkarte“ kennengelernt und erlebt, wie man in einem längeren Erkenntnisprozess eine eigene Kernbestimmung erkennen kann (Abb. 1).

Die an sich einfache Frage lautet, was auf einer persönlichen Visitenkarte, die Sie, anders als die offiziellen Visitenkarten, nicht Anderen herausgeben, eigentlich gedruckt steht in schöner Schrift, wer Sie eigentlich sind und was Sie wirklich tun. Es geht hier um den tieferen Sinn der Tätigkeiten, was Sie im Kern ausmacht und was die tiefe Klammer sein könnte für die verschiedenen Rollen, die Sie vornehmlich im beruflichen Leben einnehmen – unabhängig vom hierarchischen Rang. Doch so einfach erschließt sich das nicht und Nebenwirkungen und Risiken bestehen darin, womöglich zu erkennen, dass die eigene aktuelle Tätigkeit gar nicht (mehr) dem entspricht, was man im Prozessverlauf als sinnerfüllte eigene Lebensaufgabe erkannt hat (das mit der Leiter …). Wir bemerken gerade zu dieser Zeit ein erhöhtes Bedürfnis nach Klärung dieser Themen, in der viele Menschen neben Beschleunigung auch mit Krankheit und Tod im eigenen Umfeld konfrontiert sind. Und dafür reicht es nicht, einmal in Ruhe Urlaub zu machen. Hier kreisen die Gedanken doch meist um mehr desselben und um Entspannung und die Familie. Es fehlt meist der Impuls, einmal dahin zu schauen, wo es vielleicht verborgene Anreize und Ressourcen gibt oder gar schmerzliche Erfahrungen und Erkenntnisse, wobei gerade deren Bearbeitung meist wirklich weiterführt. Es geht um die schon öfter von uns beschriebene unbewusste Ebene des „inneren Betriebssystems“, in welchem Werte, Antreiber, Überzeugungen, die inneren Motivatoren, Wahrnehmungsfilter, Erlauber und Limitierungen verankert sind (Quelle: Drausche/Drauschke: Metabalance – Was uns gut tut. Zeitschrift Organisationsentwicklung Nr. 03/20, Handelsblatt Fachmedien).

Wenn hier Bewusstheit wächst und dadurch klarer wird, was Ihnen in diesem Leben wirklich bedeutsam ist und wie und warum Sie Ihr Leben derzeit so führen, wie Sie es tun, dann ist der Weg frei für Erkenntnis und ggf. auch für Veränderung oder Anpassung.

Doch wie kann man sich dieser Ebene am besten nähern, ohne sich monatelangen Coachingprozessen hingeben zu müssen? Eines Abends hatten wir unsere Coachingausbildungsgruppe zu uns nach Hause zum „Üben“ eingeladen und dabei das eine oder andere aus vorangegangenen Ausbildungen ergänzend angeboten. Es war ein so spannender und anregender Abend geworden, dass wir uns entschieden hatten, ein „Best of“ Format über zwei ganze und zwei halbe Tage für maximal 10 Teilnehmende zu entwickeln, das allen Beteiligten besonders viel Spaß machen und besonders effektiv sein sollte – und zwar gerade in den heutigen Zeiten. Es war die Geburtsstunde des Business-Retreats. Wichtig war im Hinblick auf die Teilnehmenden, dass die „Privacy“ nicht verloren geht und die Themen der Einzelnen gemäß den Regeln des verdeckten Coachings nicht in die Gruppe getragen werden. Dem Ablauf zu Grunde liegen sollte der klassische Coachingprozess mit Themenfindung, Zielfestlegung, Prozessphase, Lösung und Integration. Die Themen der einzelnen Teilnehmer sollten dabei von jedem selbst wie ein roter Faden reflektiert und verfolgt werden mit der Möglichkeit zu Einzelgesprächen bei Bedarf. Seit 10 Jahren führen wir nun schon einmal im Frühjahr und einmal im Herbst das Format erfolgreich durch, ebenso lange, wie wir die Kolumnen für die KMi für Sie verfassen.

 
Ein abwechslungsreicher Methodenmix auf der Grundlage überwiegend hypnosystemischer Konzepte und Formate verfolgt für die Teilnehmenden das Ziel, eigene Themen, Fragestellungen, Probleme oder Entscheidungen zu einer Lösung oder zur Erkenntnis zu führen. Das Ganze sollte auf einer „anderen Flughöhe“, fernab vom Alltag und am besten in einer angenehmen, naturnahen Umgebung geschehen mit ausreichend Zeit und gut begleitet. Das geschieht nicht nur auf einer intellektuellen Ebene, sondern in tiefer Ankopplung an die eigenen und persönlichen ggf. bis dahin unbewussten Wünsche, Ziele, Bedürfnisse, Überzeugungen und Werthaltungen unter Berücksichtigung des beruflichen und privaten Kontextes. Nebenher flankieren viel Bewegung, Entspannung, berührende Momente und Stressabbau diesen Erkenntnisprozess. Einen erkenntnisfördernden Kompetenzmix können Sie der folgenden Übersicht entnehmen.

Bei anstehenden Veränderungen genügt es nicht, die Bühne zu wechseln (neue Beziehung, neuer Arbeitsplatz), sondern es sollte eher klar werden, welches persönliche „Stück“ man zur Aufführung bringen möchte und was einem in diesem Leben wirklich bedeutsam ist („True North“). Wenn man bei diesem Erkenntnisprozess auf eigene, tiefe und bedeutsame „Wahrheiten“ stößt, hat das für jeden erhebliche Auswirkungen auf die weitere Wahrnehmung und Entwicklung, die eigenen Wirklichkeitskonstrukte und auf relevante Entscheidungen. Und nun ist der Weg auch frei zu erkennen, was es womöglich wert wäre, auf Ihrer eigenen „heimlichen Visitenkarte“ geschrieben zu stehen.

Pia Drauschke und Stefan Drauschke

Im September 2021